
L’orologio della sala d’attesa
QCER C1430 parole
Als ich die alte Bahnhofsuhr aus dem Nachlass meiner Tante bekam, hielt ich sie zunächst für ein Andenken an ihre Arbeit. Sie hatte jahrelang am Fahrkartenschalter eines kleinen Bahnhofs gesessen. Die Uhr stand zuletzt in ihrem Wartezimmer zu Hause, wie sie den Raum neben der Küche scherzhaft nannte. Dort empfing sie Nachbarn, die etwas erzählen oder um einen Rat bitten wollten. Ich erinnerte mich an das Ticken, nicht an die Zeigerstellung. Trotzdem war ich überzeugt, dass die Uhr mit den Geschichten dieses Ortes etwas Besonderes bewahrte.
Ein Uhrmacher erklärte mir, dass das Werk beschädigt sei. Er könne es ersetzen, doch der neue Mechanismus werde anders klingen. Ich bat ihn, vorerst nichts zu verändern, und stellte die Uhr auf meine Kommode. Wenn Besuch kam, erzählte ich von meiner Tante und ihrem Wartezimmer. Die Uhr blieb stehen. Eines Abends fragte ein Freund, ob ich ihre Geschichten aufgeschrieben hätte. Ich sagte, ich wollte zuerst die Uhr erhalten. Der Satz klang beim Aussprechen vernünftig, machte mich aber später unruhig. Was genau erhielt ich eigentlich, während ich das Aufschreiben aufschob?
Ich rief eine frühere Nachbarin meiner Tante an. Sie erinnerte sich kaum an die Uhr, aber sehr genau an einen Donnerstag, an dem meine Tante ihr eine schwierige Nachricht vorgelesen hatte. „Sie nahm sich Zeit, obwohl der Kuchen im Ofen war“, sagte sie. In meiner Erinnerung hätte meine Tante kaum etwas anbrennen lassen. Die Nachbarin lachte: Der Kuchen sei damals ziemlich dunkel geworden. Ich schrieb beides auf, ihre Erzählung und meinen Widerspruch dazu. Zum ersten Mal merkte ich, wie oft mein Bild von der Tante eine möglichst stimmige Geschichte verlangte.
In den nächsten Wochen sammelte ich weitere Erinnerungen. Sie passten nicht so ordentlich zusammen, wie ich gehofft hatte. Ein Nachbar beschrieb ihre Ungeduld, eine Cousine ihre lange Geduld beim Zuhören. Beide erzählten von unterschiedlichen Situationen. Ich musste nicht entscheiden, wer sie besser gekannt hatte. Ich musste eher darauf verzichten, aus jeder Erinnerung eine Bestätigung meiner eigenen zu machen. Die Uhr auf der Kommode wurde währenddessen weder wertlos noch wichtiger. Sie war ein Anlass gewesen, kein Behälter, aus dem sich eine vollständige Vergangenheit entnehmen ließ.
Schließlich ließ ich das Werk austauschen. Das neue Ticken gefiel mir anfangs nicht; es war gleichmäßiger und weniger laut. Neben die Uhr legte ich ein Heft mit den gesammelten Geschichten. Besucher blätterten darin und fragten nach Personen, deren Namen ich erklären konnte oder auch nicht. Manchmal blieb eine Frage offen. Ich erzählte dann nicht mehr, die Uhr bewahre die Stimme meiner Tante. Ich sagte, sie erinnere mich daran, jemandem Zeit zu geben. Dafür musste sie nicht genau so klingen wie früher.
Parole che forse non conosci
- Nachlassbeni lasciati dopo la morte
- stimmigecoerente e armoniosa
Domande
Si risponde con il testo davanti. Non è memoria: è capire.
Welche Veränderung vollzieht der Erzähler?
Er löst die Erinnerung von der unveränderten Erhaltung des Gegenstands und lässt unterschiedliche Erzählungen zu. — L’oggetto passa da presunto deposito del passato a richiamo a una pratica di relazione. «sie erinnere mich daran, jemandem Zeit zu geben.»
Warum macht ihn seine Antwort an den Freund unruhig?
Er erkennt, dass die Sorge um das Objekt das Festhalten der Geschichten verzögern könnte. — La domanda collega la conservazione dell’oggetto al rinvio delle storie. «während ich das Aufschreiben aufschob?»
Welche Funktion hat der dunkle Kuchen in der Erzählung?
Der misslungene Kuchen widerspricht dem makellosen Bild und belegt die Zeit, die sie der Nachbarin widmete. — Il dettaglio ammette l’imperfezione senza cancellare l’attenzione data a un’altra persona. «wie oft mein Bild von der Tante eine möglichst stimmige Geschichte verlangte.»
Wie behandelt der Erzähler die unterschiedlichen Berichte über Geduld und Ungeduld?
Er lässt die Berichte auf ihre jeweiligen Situationen bezogen nebeneinander bestehen, ohne eine Stimme zur verbindlichen Deutung der Tante zu erheben. — I contesti permettono ai racconti di coesistere senza scegliere una versione superiore. «Beide erzählten von unterschiedlichen Situationen.»
Was bedeutet die Unterscheidung zwischen „Anlass“ und „Behälter“?
Die Uhr regt Erinnerung an, speichert jedoch keine vollständig abrufbare Vergangenheit. — Si distingue l’avvio dei ricordi dal contenere una storia completa recuperabile. «Sie war ein Anlass gewesen, kein Behälter»
Schreibe genau ein Wort aus dem Text: Im vierten Absatz nennt der Erzähler die Uhr einen ___, nicht einen Behälter.
Anlass — La consegna limita la copia al sostantivo che indica il punto di partenza. «Sie war ein Anlass gewesen, kein Behälter»
